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Unser Programm von Montag, 18.6. bis Mittwoch, 27.6.2018:

Welcher Film in  KINOTHEK 1 ... Beginn DATUM Welcher Film in  KINOTHEK 2 ... Beginn
WEIT Die Geschichte von einem Weg um die Welt 20.15
Mo 18.6. WOHNE LIEBER UNGEWÖHNLICH 20.15
***CALL ME BY YOUR NAME
20.15 Di 19.6. Steven Spielbergs  DIE VERLEGERIN 20.15
JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER
LOVING VINCENT
***DAS LEBEN IST EIN FEST
16.00
18.15
20.30
Mi 20.6. UNSERE ERDE 2
***DIE SCH´TIS IN PARIS  Eine Familie auf Abwegen
LADY BIRD
16.00
18.15
20.30
Heute keine Vorstellungen
Do 21.6. Heute keine Vorstellungen
NEU    DAS ETRUSKISCHE LÄCHELN 20.15 Fr 22.6. NEU    I FEEL PRETTY 20.15
JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER
LOVING VINCENT
14.30
17.15
Sa 23.6. WEIT Die Geschichte von einem Weg um die Welt
**UNSERE ERDE 2
14.30
17.15
*JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER
3 TAGE IN QUIBERON
14.30
17.15
So 24.6. WEIT Die Geschichte von einem Weg um die Welt
WOHNE LIEBER UNGEWÖHNLICH
14.30
17.15
*Steven Spielbergs  DIE VERLEGERIN 20.15
Mo 25.6. *LADY BIRD 20.15
DAS ETRUSKISCHE LÄCHELN
20.15 Di 26.6. *I FEEL PRETTY 20.15
ISLE OF DOGS - ATARIS REISE 20.15 Mi 27.6. **DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT 20.15
* NUR NOCH KURZE ZEIT  |   ** VORAUSSICHTLICH LETZTE VORSTELLUNG.  |    *** LETZTE VORSTELLUNG.   |   ALLE ANGABEN OHNE GEWÄHR!
Wie zeigen jeweils die deutsche Fassung (2D), wenn nicht anders angegeben.  |  OF=Originalfassung  | OmU=Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Zu Ihrer Information: Filmtheater erstellen ihr Filmprogramm in der Regel von Woche zu Woche. Jeden Montag nachmittag ab ca. 14 Uhr können Sie unser Programm für die nächsten zehn Tage einsehen. Informieren Sie sich bitte taggenau: Aufgrund der Fülle an Filmen, die für uns interessant sind und bei nur zwei Kinosälen zeigen wir diese nicht täglich (!) innerhalb der Kinowoche (Donnerstag bis Mittwoch), sondern vielmehr über Wochen hinweg immer wieder tageweise.
Sie können von weiteren Vorstellungen eines Titels ausgehen, wenn dieser ohne Stern versehen ist.
Alle diesbezüglichen Angaben sind ohne Gewähr.

Unsere diese Woche neu einsetzenden Filme, kurz vorgestellt: (Quellen u.a.: programmkino.de/kino.de)

DAS ETRUSKISCHE LÄCHELN - 107 min. - Ab 6 J.
Der Film erzählt die Geschichte eines grantigen alten Mannes, der sich aus gesundheitlichen Gründen auf den Weg von seiner abgelegenen schottischen Insel zu seinem Sohn nach San Francisco macht. Sein Leben nimmt eine unerwartete Wendung durch die Liebe zu seinem kleinen Enkel. Spät entdeckt Rory, worauf es im Leben wirklich ankommt. Das israelische Regieduo Oded Binnun und Mihal Brezis nimmt uns in seinem ersten abendfüllenden Film nach dem Roman von José Luis Sampedros mit auf die letzte Reise eines Griesgrams, der Herz und Gemüt wiederfindet. Brian Cox macht Rorys Erwachen glaubwürdig und rührt den Zuschauer am Ende zu Tränen. „Ich konnte es nicht erwarten, einen Mann aus dir zu machen, wie ich einer war“, gesteht er seinem Sohn Ian. „Ich konnte nicht warten zu sehen, welcher Mann du sein würdest.“ Dank der schnell wachsenden Liebe zu seinem Enkelsohn, der sich langsam entschärfenden Anspannung zu seinem Sohn und der hitzigen späten Liebe zu Claudia, einer Museumsdirektorin, die ihm ganz nebenbei auch das Geheimnis des etruskischen Lächelns offenbart, wird aus dem Raubein MacNeil doch noch ein liebenswerter Kerl. Die Moral von der Geschicht': es ist nie zu spät, um alte Konflikte zu bearbeiten und ein besserer Mensch zu werden. Was ein tränenreiches Drama hätte werden können, entwickelt sich schnell als leiser, aber auch äußerst amüsanter Film! Der Charakter von Rory MacNeil (mehr als großartig dargestellt von Brian Cox) entwickelt sich im Laufe der knapp zwei Stunden und zeigt einen vielschichtigen Mann, der nicht nur griesgrämig und misanthropisch ist, sondern charmant sein kann, das Herz auf dem rechten Fleck trägt und neben des ganzen zur Schau gestellten Machotums auch eine weiche Seite in sich trägt.

Amy Schumer - I FEEL PRETTY - 110 min. - Ab 6 J.
Spätestens seit Taryn Brumfitts gefeierter Dokumentation "Embrace - Du bist schön!" (im Herbst bei uns im Programm) ist das Thema Bodyshaming in aller Munde. Der vor allem in den sozialen Medien grassierenden Lächerlichmachung, Diffamierung und Erniedrigung insbesondere von Frauen aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung, stellt sich unter anderem die „Body Positivity“-Bewegung entgegen und propagiert, dass jeder Mensch schön ist, auch wenn er nicht den vorherrschenden Schönheitsidealen entspricht. Starkomikerin Amy Schumer entlarvt nun den Schönheitswahn als mangelndes Selbstvertrauen und geht selbst als gutes Vorbild mit vollem Körpereinsatz voran. Sie spielt Renee Bennett, eine junge Frau in New York, die sich zu dick, zu tapsig, zu ungelenk findet. Bei einem Unfall im Fitnessstudio fällt sie auf den Kopf und verändert vollständig ihre Selbstwahrnehmung, sie sieht sich im Spiegel als schlankes Supermodell. Das neue Selbstbild verändert ihr Auftreten, sie bewegt sich nun in der ersehnten Welt der Reichen und Schönen, platzend vor Selbstbewusstsein gelingt ihr plötzlich alles. Ihr Auftreten nötigt sogar Chefin Avery LeClaire (Michelle Williams) Respekt ab. Ihre Freundinnen Vivan und Jane befürchten, sie könnte die Bodenhaftung verlieren. Wenn wir uns nur selbst lieben und akzeptieren, wird alles gut. Dann strahlen wir Selbstbewusstsein aus und öffnen verschlossen geglaubte Türen. Die innere Stärke, das Selbstbewusstsein und die Ausstrahlung machen einen Menschen wirklich attraktiv. Amy Schumer zeigt, wie unterschiedlich man auf Menschen wirken kann, wenn die innere Einstellung nur mit Selbstzweifeln gespickt ist. Äußerlichkeiten sind im Endeffekt egal. Solange der innere Charakter die Sonne nach außen strahlen lässt, wirkt man für andere schön und anziehend. Diese positiven Überlegungen stehen im Zentrum des Films, eine leichte, wenn auch thematisch nicht tiefgehende und doch zu klischeehafte Komödie über Schönheitsideale und Minderwertigkeitskomplexe, die vor allem von Amy Schumers Komödientalent lebt.



Weitere Filme, aktuell im Programm: (Quellen: programmkino.de/kino.de/epd-film)

ISLE OF DOGS – ATARIS REISE - 101 min. - Ab 12 J.
Mit einem Animationsfilm wurde die Berlinale noch nie eröffnet, diese Ehre hatte nun Wes Andersons „Isle of Dogs“, der stilistisch und qualitativ nahtlos an das Werk des amerikanischen Regisseurs anschließt und inhaltlich genau in unsere Zeit und zum Selbstverständnis der Berlinale als politisches Festival passt. Es geht um Flüchtlinge, Diskriminierung, Machtmissbrauch. Das retro-futuristische Japan, in dem der Bürgermeister einer Großstadt alle Hunde auf eine Müllinsel verbannt, sieht herrlich kindisch aus. Die Insel, auf der Andersons Held Atari landet, strahlt aber eine greifbare Gefahr aus. Atari ist zwölf Jahre alt und sucht seinen Hund Spots, der hierher deportiert wurde. Hunde konnten nur hierher verbannt werden, weil eine aufwändige Propaganda-Maschine angeworfen wurde, die der Bevölkerung Angst vor den Tieren macht. Opposition, Presse und Wissenschaft werden derweil unterdrückt, weggesperrt und diskreditiert. „Isle of Dogs“ ist bei weitem nicht die tiefgründigste Metapher für Ängste und Ressentiments der Welt, brillant wird diese aber durch die zahlreichen Figuren und Nebenschauplätze, die Anderson etabliert und kombiniert. Zu einem ergreifenden Film wird die Dramedy durch die vielen kleinen Momente, in denen sich die Hunde und die Menschen mit brutaler Ehrlichkeit ihrer Fehler und Vorurteile bewusst werden, sie revidieren und aus ihnen lernen, sich weiterentwickeln und zu besseren Persönlichkeiten werden. In einer Sichtung ist kaum zu erfassen, mit welchem Reichtum an Bildern und Verweisen Anderson die 100 Minuten seines Films gefüllt hat, die er in seinen typischen zentrierten Tableaus, mit Reißschwenks und Parallelfahrten inszeniert. Eine Vielfalt, die sich auch in den Geschichten spiegelt. Um die Beziehung zwischen Mensch und Tier geht es, vor allem aber um das Verhältnis von Lebewesen im Allgemeinen, um Vorurteile und Diskriminierung, Exil und Vertreibung. Zeitgemäße Themen, die aber niemals didaktisch verhandelt werden, sondern auf mitreißende, enorm phantasievolle Weise erzählt werden.

LADY BIRD - 94 min. - Ab 12 J.
Greta Gerwigs Dramödie über eine junge Rebellin ist bis in die winzigsten Details gelungen, ein Film für alle, die das Kino und das Leben lieben. Lady Bird wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich ihrem Provinznest zu entkommen. Vielleicht ist sie einfach gelangweilt von den Menschen hier, vielleicht hat sie Angst davor, hier zu bleiben und mit einem vorgezeichneten Lebensplan zu enden, sie träumt von der Ostküste der USA, wo es mehr Kultur und mehr Freiheit gibt als im miefigen Sacramento. Die erste Liebe, das erste Mal, Zoff in der Schule, Streit mit dem Bruder, der Freundin und vor allem mit der überstrengen Mutter … all das sind bekannte pubertäre Begleiterscheinungen, doch wie Greta Gerwig daraus eine kluge, witzige Geschichte webt, ist so charmant wie elegant konstruiert, dabei bleibt sie ganz und gar realistisch, sie verklärt weder die Pubertät noch ihre Heldin, sondern zeichnet ein facettenreiches, intensives Bild ihres Charakters. Lady Bird will sich nicht anpassen, sie will anders sein, sie stellt Ansprüche, scheitert dabei hin und wieder, gelegentlich sogar vorhersehbar, aber sie steht immer wieder auf, berappelt sich und wird dabei erwachsen. In Saoirse Ronans blassem Renaissancegesicht spiegelt sich die alterstypische Unsicherheit ebenso wie ihr Mut, die Welt für sich zu entdecken. Und es macht sehr viel Spaß, sie dabei zu begleiten. Die Liste der Auszeichnungen und Nominierungen sprengt den Rahmen jeder Rezension. Dazu lässt sich sagen: Jeder einzelne Preis, jedes noch so große Lob ist verdient! Die Geschichte um Christine, die sich Lady Bird nennen lässt, wird so realistisch wie bezaubernd erzählt, ist herausragend gespielt, die Dialoge sind witzig, lakonisch und berührend, die Bilder sind natürlich. Dieser extrem sympathische Film überzeugt in jeder Hinsicht, ein kluges, warmherziges Drehbuch machen den Film zum Kinoerlebnis allererster Güte.

WOHNE LIEBER UNGEWÖHNLICH - 95 min. - Ab 6 J.
Der 13jährige Bastien hat sechs Halbgeschwister und noch einige Cousinen, denen es allen gleich ergeht: ein richtiges Zuhause haben sie nicht, leben ihre Eltern doch getrennt, sind geschieden oder haben einen neuen Partner, und ständig auf Achse sowieso. Nicht erst am Wochenende stellt sich dann die Frage, welches Elternteil mit der Betreuung an der Reihe ist. Mitunter schließen die Kinder bereits Wetten ab, bei wem sie sich als nächsten wohl einfinden werden. Ein geordnetes Umfeld kennen sie nicht, das Gefühl, Teil einer funktionierenden Familie zu sein, ist ihnen fremd. Aber so sind sie eben nun einmal, die modernen Zeiten und die vermehrte Existenz von Patchworkfamilien. Es ist anfangs gar nicht so leicht, den Überblick über die fast 20 Figuren zu bekommen, regiert hier doch klar das Prinzip der charakterlichen Vielfalt, was aber wiederum nötig ist, um das chaotische und uneinheitliche an dieser bunten Familiensituation deutlich zu machen. Manchmal hat man gar den Eindruck, die Erwachsenen seien kindischer als ihr Nachwuchs. Erfreulich aber, dass die Komödie nicht in Blödeleien ausartet, sondern schlicht und ergreifend die angebotene Versuchsanordnung nach dem Motto „Das Problem ist die Lösung“ mit Blick auf die unterschiedlichen Reaktionen und Verhaltensweisen der Erwachsenen mit einem angenehmen Humor durchexerziert. Gabriel Julien-Laferrière tut deshalb gut daran, seine kunterbunte und gut gelaunte Geschichte aus Sicht der Jugendlichen zu erzählen. Ob das vorgestellte Modell als zukunftstaugliches Familienkonzept Schule machen könnte, dürfte indes mehr von geeignetem Wohnraum und entsprechend flexiblen und toleranten Eltern abhängen. Mit viel Sinn, Humor und Verstand für die Fallstricke moderner Familienkonzepte erzählt diese herzhafte Komödie aus Frankreich von einer grandiosen Wohnidee, die das Leben schöner, die Familien familiärer, Eltern menschlicher und das Chaos bunter macht.

DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT - 132 min. - Ab 12 J.
Kaum ein Berufsstand wird so verachtet wie der der Lobbyisten, die gerade in der amerikanischen Hauptstadt Washington DC oft mehr Einfluss zu haben scheinen, als die eigentlichen Machthaber, die Politiker. Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) ist Lobbyistin der Extraklasse. Jeden Trick des Gewerbes, ob legal oder schmutzig, beherrscht sie, manipuliert die öffentliche Meinung wie keine Zweite, sie kann Gesetzesvorhaben durchbringen, Karrieren machen oder beenden und steht nun vor einer Herkulesaufgabe: Ein Gesetz für strengere Waffengesetze soll vom Kongress verabschiedet werden, dafür wurde sie von der Firma Rudolfo Schmidts (Mark Strong) angeheuert. Der ist einerseits fasziniert von den Fähigkeiten seiner neuen Chefstrategin, andererseits entsetzt von der Skrupellosigkeit, mit der Sloane auch die Schwächen ihrer Mitarbeiter ausnutzt, um ihr Ziel zu erreichen. Doch hinter der kühlen, perfekt geschminkten Fassade, die in eleganten Kostümen auf Empfängen um das Gehör der Mächtigen buhlt, verbirgt sich eine zunehmend an ihrem Tun zweifelnde Person. Ein Privatleben hat Sloane nicht, Sex kauft sie sich von einem Escort, nur mit Pillen schafft sie es, wach und konzentriert zu bleiben und sieht sich nun vor dem scheinbar größten Problem ihrer Karriere: Einem Untersuchungsausschuss des Kongresses, der ihr illegales Handeln vorwirft. Zum ersten Mal scheint Sloane nicht alles unter Kontrolle zu haben, doch auch dieses Bild täuscht. In einem Sumpf aus Interessen, Macht und Korruption ist John Maddens Politthriller angesiedelt, der lange von seiner starken Hauptdarstellerin Jessica Chastain lebt, bevor er zu einem liberalen Fiebertraum wird. Der ist dann ein märchenhaftes Ideal, mit der realen Welt des Lobbyismus hat das Finale dieses lange Zeit ebenso guten wie kalten Politthrillers nur noch bedingt zu tun.


Auf mehrfache Nachfrage nochmals im Programm:   LOVING VINCENT - 95 min. - Ab 6 J.
Seit seiner Premiere auf dem Festival von Annecy hat dieser ungewöhnliche Animationsfilm zahlreiche Auszeichnungen gewonnen. Mit Sicherheit eines der ungewöhnlichsten Biopics der letzten Jahre, und eines der stilvollsten: Vincent van Gogh in seinen eigenen Bildern, zum Leben erweckt von mehr als 200 Malern in einem höchst ambitionierten Filmprojekt, das neben wunderschön anzusehender Kunst eine richtig spannende Krimihandlung bietet. Dabei geht es um van Goghs Tod und seinen letzten Brief, über den ein junger Franzose Nachforschungen anstellt. Könnte es sein, dass van Gogh gar nicht Selbstmord begangen hat, sondern Opfer eines Verbrechens wurde? Nicht nur die aufwändige, toll durchdachte Gestaltung machen diesen Film zu einem visuellen und sinnlichen Erlebnis der Extraklasse, sondern auch die - selbstverständlich frei erfundene - Handlung um die letzten Monate im Leben des großen Malergenies. Auch der konservativste Kunsthistoriker wird sich besänftigen lassen, denn die Umsetzung spricht für sich. Auf der Grundlage zahlreicher Werke von Vincent van Gogh entstanden die farbigen Passagen des Films als animierte Ölgemälde: Felder mit wogenden Pinselstrichhalmen, wilden Wolkenbergen und rötlich flackernden Sonnenbällen; Stillleben, die plötzlich zum Leben erwachen, Porträts, die zu echten Menschen werden, die Welt der Bilder eines Malers entsteht neu und wird zu einem optischen Feuerwerk. Da alle Personen und Charaktere der Geschichte auf Gemälden von Vincent van Gogh wieder zu finden sind, ergeben die Bilder plötzlich Sinn und Zusammenhang, was noch ein zusätzliches Schmankerl für Film- und Kunstkenner darstellt. Die Story vom verkannten und verfolgten Künstler, der zu Lebzeiten als verrückter Spinner verschrien war, ist beinahe flächendeckend bekannt, aber hier dreht es sich nicht nur darum, eine Biographie nachzuzeichnen. Bekannte Fakten werden neu ausgelegt, so die Freundschaft zu dem Arzt Gachet und zu seiner Tochter, der Mademoiselle Gachet auf van Goghs Bildern, die ebenfalls teilweise bei der Interpretation eine Rolle spielen. Tatsächlich versuchen die Filmemacher das noch immer aktuelle Geheimnis um van Goghs Tod aufzudecken. Ob und wie das geschieht? Das soll hier nicht verraten werden. Klar ist vor allem eines: Das ist brillant und clever gemacht, es gibt viel zu entdecken und zu staunen: eine Bilderreise durch ein Universum von Farben und Stimmungen.

DIE SCH´TIS IN PARIS – Eine Familie auf Abwegen - 107 min. - Ab 6 J.

Anders als in „Willkommen bei den Sch’tis“ prallen in der Fortsetzung nicht bloß zwei völlig unterschiedliche Mundarten aufeinander, sondern auch verschiedene soziale Schichten. Auf der einen Seite befinden sich Valentin und Constance, die der Pariser Oberschicht angehören, auf der anderen steht Valentins Familie aus dem Norden, die sich auf mehr schlecht als recht als Selbstversorger durchschlägt und nichts besitzt als einen alten Wohnwagen. Genau durch diesen Clash aus Arm und Reich kommt die Geschichte erst zustande: Gustave möchte sich von seinem reichen Bruder Valentin Geld leihen und begibt sich dafür mit (fast) dem gesamten Sch’ti-Clan in Richtung der französischen Hauptstadt. Der zweite Sch'ti-Film ist keine Fortsetzung des ersten, basiert aber noch mehr auf der sprachlich-kulturellen Konfrontation von Hochfranzösisch und einem Dialekt, bei dem, knapper und gröber, nicht um den heißen Brei herumgeredet wird. Ein konsterniertes »Wie bitte?« wird zu einem rausgeblökten »Häh??«. Mit seinen zielgenauen Pointen verschont Dany Boon niemanden, weder die High Society noch die Hinterwäldler, die außer einem großen Herzen und viel Gefühl wenig haben. Dabei geht es immer mehr ums Miteinander als ums Gegeneinander, auch der private Boon, Sohn einer Französin und eines algerischen Boxers, setzt sich für Toleranz und Humanismus ein. Etwas einfach macht es sich Boon in seiner Rolle als Autor, Darsteller und Regisseur, wenn er die Gegensätze genüsslich, aber auch oberflächlich gegeneinander ausspielt. Ein subtiler Film war auch der erste „Sch´ti“ nicht, selbst eine ähnlich erfolgreiche Komödie wie „Ziemlich beste Freunde“ hatte da viel mehr, viel Komplexeres über das Aufeinandertreffen zweier Welten zu erzählen. Der zweite Sch´ti bleibt insofern dem Original treu und ist grobschlächtig, eher klamaukig als feinsinnig, von schlichter Moral geprägt, aber irgendwie dann doch auch liebenswert.

3 TAGE IN QUIBERON – 116 min. - Ab 6 J.   Ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis in sieben Kategorien.
Deutschland macht es seinen Stars oft nicht leicht, was besonders Romy Schneider erfahren musste, die bald nach Frankreich floh und dort zu dem Weltstar wurde, als der sie auch heute, gut 35 Jahre nach ihrem Tod, noch verehrt wird. Glücklich wurde sie allerdings nie, eine Hassliebe zur Presse und zur Öffentlichkeit prägte ihr Wesen, wie Emily Atef in ihrem ästhetischen, melancholischen Film zeigt. Ihre besondere Gabe, sagte Claude Sautet einmal, bestand darin, ihre männlichen Partner infrage zu stellen. Sie ist aber, gepaart mit der Fähigkeit, sich über die eigenen Gefühle Rechenschaft abzulegen, ein mächtiges Instrument, über das die Schauspielerin zumal in ihren Filmen mit Sautet verfügt: Romy Schneiders prägnanteste Leinwandcharaktere konfrontieren ihr Gegenüber mit der Resonanz ihres Handelns. Als Romy 1981 einwilligt, dem »Stern« ein Interview zu geben, scheint dieses Talent zur Konfrontation fast erloschen. Emily Atefs Film konzentriert sich, abgesehen von einem kurzen Epilog, auf dieses Ereignis. Die von Alkohol und Tabletten abhängige Schauspielerin (glänzend Marie Bäumer) hat sich zu diesem Zeitpunkt in eine als Hotel getarnte Entzugsklinik an der französischen Atlantikküste zurückgezogen. In diesem Zustand extremer Verletzbarkeit ist ihr bang vor dem Gespräch; sie hat ihre Jugendfreundin Hilde (Birgit Minichmayr) als Stütze ­hinzugeladen. Der ehrgeizige ­Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) sieht in dem Interview eine große Karrierechance; er wird begleitet vom Fotografen Robert Lebeck (Charly Hübner), der seit einigen Jahren Romys Vertrauen und auch Freundschaft genießt. Drei Tage verbringt das Quartett zusammen, drei Tage, in denen viel geredet und fotografiert, geraucht und getrunken wird, in denen sich Schneider, teils freiwillig, teils durch die provokanten Fragen Jürgs' aus der Reserve gelockt, in einem Maße offenbart wie sie das noch nie getan hatte. Und nie wieder tun würde, denn kaum ein Jahr nach den Tagen in Quiberon starb Schneider mit nur 43 Jahren, vermutlich an einer Überdosis Schmerztabletten. Das im April 1981 veröffentlichte Interview und die dazugehörigen Fotos, die Lebeck von Schneider machte, wurden durch die Umstände zu einer Art Vermächtnis, zu einem letzten, intimen Blick in ein abwechslungsreiches, vielfältiges, aber auch tragisches Leben, dass seit frühen Tagen stets im Blick der Öffentlichkeit stattfand. Als Opfer der Medien darf man Schneider aber nicht sehen, zumindest nicht ausschließlich. In ihrem auf Tatsachen beruhenden, aber doch freien biographischen Film geht es Emily Atef genau um diese Widersprüche, die Ambivalenzen in Schneiders Wesen, ihre fast manisch wirkende Art, ihr Wechsel zwischen Himmel hoch jauchzend und zu Tode betrübt. Wie Bäumer, die Schneider in Mimik und Gestik auf verblüffende Weise ähnelt, das spielt, die unglaubliche Offenheit von Schneidet andeutet, die ihren Leinwandfiguren so eine enorme Emotionalität verlieh, wie sie mal stark und selbstbewusst, mal schwach und verletzlich ist, allein das ist toll. Doch auch stilistisch weiß Atefs Film zu überzeugen, in weichem Schwarz-weiß gefilmt, den Bildern Lebecks nachgeahmt, der in Quiberon eine der bekanntesten Foto-Serien über die oft fotografierte Schneider einfing. Auch vom Wissen um das, was folgen sollte, lebt dieser Film, vom Wissen um den baldigen Tod Schneiders, die viel zu jung starb, aber in zahlreichen wunderbaren Filmen weiterlebt, und nun auch durch diese berührende, melancholische Hommage.

CALL ME BY YOUR NAME – 132 min. – Ab 12 J.
Als echter Italiener weiß Luca Guadagnino natürlich bestens, wie er seine Heimat am schönsten in Szene setzt. Sonnendurchflutete Landschaften. Paradiesisch anmutende Gärten. Idyllische Flüsse und Küsten. Pittoreske Dörfer mit palavernden Bewohnern. In der vornehmen Villa von Emilios vermögenden Eltern lässt sich zudem sehr entspannt über Gott und die Welt und die letzten Probleme der Menschheit philosophieren. Ähnlich entschleunigt wie die Einheimischen, geht auch der Regisseur vor. Bemerkenswert dabei, dass solcher Mut zur Länge nicht zur Langatmigkeit gerät. Vielmehr erlaubt er den Figuren genügend Zeit zur Entfaltung. Die brauchen sie tatsächlich dringend, schließlich stecken sie voller Widersprüche und Unsicherheiten. Es ist die radikal romantische Liebesgeschichte zwischen einem 17-jährigen, ungestümen Schöngeist und einem 24-jährigen US-Sonnyboy im sommerlichen Bella Italia der 80er Jahre. Bevor der verunsicherte Teenager Elio (glänzend Timothée Chalamet) ganz den Kopf verliert, stürzt er sich lieber in den Flirt mit der hübschen Marzia, die ihn schon lange anschwärmt. Ein bisschen will er damit aber natürlich seinen Oliver eifersüchtig machen. Je mehr Zeit die Jungs miteinander verbringen, desto größer wächst die Zuneigung und steigt das Begehren. Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht. Die Wege zum Liebesglück sind gleichwohl holprig. Und da ist dann noch dieses bewegende Vater-Sohn-Gespräch, wie es großartiger im Kino wohl noch nicht zu sehen war. Last not least verliert auch der Pfirsich hier auf immer seine Unschuld. Ganz grosses sinnliches Gefühlskino, wie es eben nur die Italiener mit solch raffinierter Grandezza beherrschen, basierend auf André Acimans gefeiertem Roman. Man möchte liebend gerne teilhaben an diesem Sommer-dolce-vita. Ausgezeichnet mit einem Oscar 2018. Die Empfehlung.


Steven Spielbergs  DIE VERLEGERIN - 117 min. - Ab 6 J.
In einer Zeit, in der sich Medien sowohl von der Quote, als auch, wie sich besonders in den USA wieder zeigt, von Einschüchterungsversuchen von Regierungsseite beeindrucken lassen, erscheint DIE VERLEGERIN wie ein wohltuender Blick zurück auf journalistische Tugenden. Steven Spielberg hat mit seiner neuesten Regiearbeit einen, im positivsten Sinne konventionellen, guten alten Film gedreht, der konsequent 35mm-Technik nutzt und nicht nur damit an große Journalistenfilme wie etwa DIE UNBESTECHLICHEN erinnert, auch hier sind die Journalisten Fürsprecher der Demokratie und Verschwörer gegen die Mächtigen. Er verfilmte im Jahr Eins der Trump-Präsidentschaft die Geschichte um die Veröffentlichung der »Pentagon Papers« 1971 in der »Washington Post«. Er erzählt eine authentische Geschichte aus der Vergangenheit. Und doch spiegelt er unsere Gegenwart, speziell den aktuellen Kampf um die Pressefreiheit, mit einer Brisanz, die mehr ist als nur gutes Timing. In einer Zeit, in der ein US-Präsident während der Pressekonferenz die Journalisten als „fake news“ beschimpft, seine Mitarbeiter das Schlagwort der „alternativen Fakten“ prägen, ein türkischer Präsident Journalisten verhaften lässt und in Deutschland rechtsradikale Demonstranten Berichterstatter als „Lügenpresse“ diffamieren, ist dieser Film wichtiger denn je. Er kommentiert das Heute, in dem er vom Gestern berichtet. Er macht das spannend, unterhaltsam und mit großartigen Schauspielern. In Meryl Streep und Tom Hanks als Graham und Bradlee findet Spielberg ein sich in allen Belangen ebenbürtiges und ergänzendes Darstellerpaar. Und findet dann noch die Zeit, von etwas anderem zu erzählen: der Emanzipation einer Frau, die sich in einer Männerwelt behaupten muss. Als Kay Graham 1963 die Verlagsführung der Washington Post erbt, wirkt sie wie eine der vielen Ausnahmen von der Emanzipation ihrer Zeit. Eine Frau, die sich von Männern nicht nur beraten, sondern auch leiten lässt. Das ändert sich, als ihre Zeitung 1971 in den Besitz der „Pentagon-Papiere“ gerät, die die gezielte Desinformation der US-amerikanischen Öffentlichkeit in Bezug auf den Vietnamkrieg aufdecken, die über die wahren Hintergründe des Kriegs der USA in Vietnam aufklären. Sie befindet sich im Zwiespalt: Der Vorstand macht ihr klar, dass es wirtschaftlich negative Folgen haben könnte, sich gegen die Regierung zu stellen. Außerdem hält Kay freundschaftliche Beziehungen zu Menschen, die in den Papieren belastet werden. Doch Bradlee beschwört sie, dass es Pflicht der Presse sei, die Wahrheit zu drucken. Und dass eine freie Presse sich auch von der Regierung nicht erpressen lässt. Das Klimpern der Schreibmaschinen, das Rattern der Telex-Geräte und das Klingeln der Telefone im Großraumbüro zeugen davon: Hier wird hart gearbeitet, hier wird nach der Wahrheit gesucht, hier wird das journalistische Ethos verteidigt. Das war damals richtig, und ist es heute nicht minder. Mitreißendes Politdrama und emotionales Darstellerkino zugleich, ein leidenschaftliches Plädoyer für die Funktion einer freien Presse.

DAS LEBEN IST EIN FEST -  116 min. - Ab 0 J.
Nach ihrem trendsetzenden Erfolgsfilm  „Ziemlich beste Freunde“ überrascht das Regieduo Eric Tolédano und Olivier Nakache mit einer ungewöhnlichen Ensemblekomödie. In dieser facettenreichen Geschichte wird, von einem Tag zum nächsten, der Ablauf eines glamourösen Hochzeitsfests in einem Schloss geschildert, jedoch aus Sicht der Heinzelmännchen hinter den Kulissen, den Angestellten und des Chefs einer auf Hochzeitsevents spezialisierten Firma. Bandleader James, der sich als cooler Rocker sieht, muss freundliche Senioren und ihre Wünsche nach Vico-Torriani-Liedern abwimmeln. Der schmierige Hochzeitsfotograf Guy ärgert sich über Handy-Fotografen. Der neurotische Exliteraturlehrer Julien erkennt in der Braut seinen früheren Schwarm. Zusammengehalten wird die Truppe von Max, und hier wird es interessant. Denn in französischen Filmen sind Unternehmer, sofern ihre Betriebsgröße vier Mann übersteigt, meist Buhmänner und Witzfiguren auf der falschen Seite des Klassenkampfs. Anders aber als die hitzköpfigen Patrons à la Louis de Funès wird Max, Jean-Pierre Bacri mit Augenringen und viel Melancholie, als müder Held porträtiert, der zu viele Bälle in der Luft zu halten versucht. Mehr Kindergärtner als Macher muss er nicht nur die zankenden Angestellten im Team befrieden, sondern auch zwei Frauen, die frustrierte Geliebte und die Ehefrau. Tatsächlich ist dies ein Ensemblefilm oder »film chorale«, wie ein mehrstimmiger Chor orchestriert, in dem, trotz manchmal tiefergelegter Gags, die Macken der Charaktere nie an schrillen Klamauk verraten werden. Das Fest wird zur Lebensmetapher, zum Hohelied auf die unermüdlichen Wurstler, hin- und hergerissen zwischen Plan und kreativer Abweichung, deren Selbstbild fortwährend von der Realität korrigiert wird. Mit dieser feingetakteten Mischung aus Poesie und Komik, Sarkasmus und Herz, ist dem Regieduo eine ziemlich tolle Gesellschaftskomödie gelungen.

WEIT - Die Geschichte von einem Weg um die Welt - 125 min. - Ab 0 J.
Sie wollen ihr Zuhause verlassen, um zu entdecken, was Heimat für andere bedeutet: Das junge Paar Patrick und Gwen aus Freiburg zieht mit dem Rucksack gen Osten und weiter bis um die Welt. Die zwei versuchen dabei auch, sich in Verzicht zu üben. Das Ziel ist es, nicht mehr als fünf Euro am Tag auszugeben, und nicht zu fliegen. Jeder zurückgelegte Meter soll mit allen Sinnen wahrgenommen, Grenzen sollen ausgetestet und neben dem Verzicht soll auch der Genuss gelernt werden. Bei jedem Schritt wollen Patrick und Gwen spontan und neugierig bleiben. Die beiden sind drei Jahre und 110 Tage unterwegs, bewegen sich ausschließlich als Anhalter fort, ob mit Bus, Zug, Schiff. Am Ende kommen fast 100.000 Kilometer durch Europa, Asien sowie Nord- und Zentralamerika zusammen. Sie kehren zu dritt zurück. Im Mittelpunkt der Reise steht immer der unmittelbare Kontakt zu den Menschen, die sie durch das „per Anhalter reisen“ besonders intensiv erleben dürfen. Sie, und wir mit ihnen, sind mittendrin im Alltag der Menschen. Jedes Auto bringt eine neue Geschichte, eine neue Begegnung, die man so nie hätte planen können. Der Film und die beiden Reisenden Patrick und Gwen sind dermaßen sympathisch, dass man sich ungeheuer gerne mit ihnen auf ziemliche Abenteuer einläßt quer durch die Welt, meist trampend, oft im Zelt schlafend, oft auch bei Menschen, die sie unterwegs kennen lernen. Da Patrick zudem von Beruf Kameramann ist, kann man sich über erstaunlich professionelle Bilder freuen, die immer dicht dran sind an der Natur und den Mitmenschen. Viel schöner kann man nicht Lust machen aufs Reisen, auf Welt entdecken, auf Menschen kennen lernen. Ein Film wie eine gelebte Völkerverständigung, und ein Erfolgsprojekt ohnegleichen. Anfänglich gedacht, nur Bilder und Videos für Freunde ins Netz zu stellen, entwickelte sich daraus ein Kinofilm, der mittlerweile über 200.000 Besucher begeistert hat. Dabei sind die 130 Minuten des Kinofilms nur ein Bruchteil des Materials, das insgesamt zur Verfügung stand. Nach fünf Monaten anstrengender Deutschlandtour starten die beiden nun ihre Live-Bühnentour, mit weiteren Geschichten und vielen neuen Anekdoten. „Herzlichen Dank für all das schöne Feedback, das wir täglich persönlich, per mail, über das Gästebuch und Facebook bekommen! Es berührt uns immer wieder zu beobachten, was für eine Reichweite die wunderschönen Begegnungen, die wir auf unserer Reise erleben durften, nun haben. Grüße von Herzen: Patrick und Gwen. (www.weitumdiewelt.de).

UNSERE ERDE 2 – 94 min. – Ab 0 J.
Schon Walter Ruttman wusste, dass der Lauf eines Tages ein ebenso einfaches, wie wirkungsvolles Mittel ist, eine an sich nur lose erzählte Dokumentation zusammenzuhalten. So wie er vor 90 Jahren „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ am Morgen begann, die Geschehnisse eines Tages beschrieb und in der Nacht endete, so bedienen sich die drei Regisseure hier dem Rhythmus eines Tages, um nicht weniger als die ganze Erde zu beschreiben. Dieses ambitionierte Ziel sagt schon einiges über die Entwicklung, die Tier- bzw. Naturdokumentationen in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Schon für eine zeitgenössische Fernsehdoku ist es kaum vorstellbar, sich 45 Minuten oder noch länger mit einer einzigen Tierart zu beschäftigen, was noch mehr fürs Kino gilt. Immer spektakulärer muss es werden, immer neue, aufregende, noch toller gefilmte Bilder müssen es sein, und davon hat „Unsere Erde 2“ viele zu bieten. Von den Galapagos-Inseln, über Ecuador, Mexiko, Südafrika, bis nach China und Indonesien führten die Dreharbeiten. Neben Lieblingen der Tierfilmer und Kinder wie Pandas und Pinguinen, wurden einstmals exotische Tiere wie Löwen und Geparden gefilmt, dazu wirklich noch exotische Tiere wie eine Flaggensylphe oder eine Langhornmücke. Dazu allerlei Flora und Fauna, zusammengehalten von Günther Jauchs Erzählstimme und der Musik eines Orchesters, das in keinem Moment einen Zweifel daran lassen möchte, dass hier Außerordentliches, Spektakuläres zu sehen ist. Die Erzählung folgt dem Lauf eines Tages, zeigt das Leben und Überleben unterschiedlichster Tierarten, doch angesichts der Notwendigkeit, keinen Moment der Ruhe aufkommen zu lassen, bleibt wenig Zeit, größere Zusammenhänge zu erklären. Eine wundervolle, atemberaubende Oberfläche hat auch diese Naturdoku zu bieten, viele der Aufnahmen hat man so tatsächlich noch nie gesehen, doch mag man sich nach fraglos spektakulären 90 Minuten auch fragen, ob das olympische Motto „Höher, Schneller, Weiter“ der richtige Ratgeber ist.

JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER - 109 min. - Ab 0 J.
Die erste Realverfilmung des Kinderbuchklassikers (1960) von Michael Ende ist eine wundervoll inspirierende Reise in das Land der Fantasie und der Abenteuer. Schon der erste Blick auf das bis ins kleinste Detail liebevoll erschaffene Lummerland und die ersten Töne, die der Augsburger Puppenkiste Respekt zollen, beweisen, mit wieviel Herzblut, Lust und Leidenschaft die Macher sich der Geschichte angenommen haben. Die Geschichte erzählt vom unerwarteten Zuwachs in Gestalt eines irrtümlich abgelieferten Migranten, durch den auf der territorial limitierten Vierpersoneninsel Lummerland die Überbevölkerung droht. In dieser vermeintlichen Not will der dämliche König die altgediente Dampflokomotive Emma abschaffen. Der eigensinnige Lokomotivführer Lukas (Henning Baum) will sich dieser ad hoc verordneten Energiewende nicht beugen. Also nimmt er den Jungen, dem er ein Vater geworden ist, und die Lokomotive, in der man unschwer eine mütterliche Figur erkennen kann, und verlässt die auch geistig etwas zu eng gewordene Insel: Denn wo steht geschrieben, dass eine Lok immer nur in vorgeschriebenen Gleisen fahren muss? Michael Ende hat diese parabelhafte Geschichte mit einer liebenswürdig-schrulligen Poesie ausgestattet. Ein Highlight ist der Scheinriese Tur Tur, dessen Figur zur häufig aufgegriffenen Metapher für politische Missstände wurde. Die meisten Charaktere, denen Lukas und Jim auf ihrer abenteuerlichen Reise begegnen, sind Außenseiter wie der Halbdrache Nepomuk, der von seinen arroganten Artgenossen gemieden wird, weil seine Mutter ein Nilpferd war, weshalb ihm das giftige Feuerspucken nicht ganz so liegt. Die Geschichte wird natürlich getragen von Henning Baum, der den tapferen Lukas mit so viel Herzenswärme und Stärke spielt, dass man ihm bis ans Ende des Horizonts folgt, und Solomon Burke. Er verkörpert Jim Knopf mit Witz, Pfiff und der genau richtigen Portion Neugier, was ihn zur perfekten Identifikationsfigur für die junge Zielgruppe macht, die dieses spannende, lustige und fantasievolle Abenteuer gemeinsam mit ihm durchlebt. Und die lernen kann, dass man vor etwas Fremden keine Angst haben muss. Denn mit einem guten Freund zusammen kann man die ganze Welt erobern.